«DOK»: Zwischen Last und Liebe – Die neuen Grosseltern
Die Grosseltern von heute sind meist fit, gesund und stehen mitten im Leben. Aber müssen sie deswegen ihre Enkel hüten? Das scheint heute fast zum Pflichtprogramm von Grosseltern zu gehören. Wer sich dem widersetzt, stösst schnell auf Unverständnis. Doch junge berufstätige Eltern müssen häufig auf die «Krippe Grosi» zurückgreifen, denn mit den Betreuungsstrukturen hinkt die Schweiz noch hinterher. Ist es in Ordnung, dass alle mit den Grosseltern rechnen? Der Staat, die Gesellschaft und die eigenen Kinder?

Der renommierte Generationenforscher François Höpflinger hat ausgerechnet: In der Schweiz leisten Grosseltern etwa 100 Millionen Betreuungsstunden. Das sind über zwei Mia Schweizer Franken - oder anders ausgerechnet: 50 000 Vollzeitstellen.
Heute stecken Grosseltern bei der Geburt ihrer Enkel meist selber noch mitten im Leben, sind berufstätig und träumen von mehr Freiraum und Freiheit - ein Dilemma. Sie lieben ihre Enkelinnen und Enkel und möchten ihre Kinder unterstützen - gleichzeitig möchten sie mehr Zeit für sich selber haben. Vor allem für Grossmütter, die schon einmal die Doppelbelastung «Beruf und Kinder» erlebt haben, ist es schwierig, ihre eigenen Wünsche und die Ansprüche von aussen unter einen Hut zu bringen. Denn man spricht zwar von den Grosseltern, die hüten, aber gemeint ist damit meist die «Krippe Grosi». Und wenn Frauen sich abgrenzen, gelten sie schnell als Raben-Grossmütter.
Dabei sind Grosseltern eine Erfindung der jüngeren Zeit. Erst ab dem 19. Jahrhundert wurden ältere Menschen innerhalb der Familie als «Grosseltern» wahrgenommen.
Im Zuge des romantisch-bürgerlichen Familienideals wurde auch ihre Rolle neu entworfen: die Grossmutter als liebliche und gute Seele des Hauses, auf dem Ofenbänkli sitzend, und der gütige, liebende Grossvater, der Geschichten erzählt, beide alt und grauhaarig. Diese Bilder haben sich bis heute halten können, auch wenn sie längst überholt sind.
Die Autorin Eveline Falk wurde selber mit 50 Grossmutter, rein statistisch gesehen drei Jahre zu früh: In der Schweiz werden Frauen zwischen 53 und 55 das erste Mal Grossmutter. Auch sie hatte eine Idealvorstellung, wie sie nun als Grossmutter sein sollte, scheiterte an ihren eigenen Bildern und machte sich danach auf die Suche nach andern Grosseltern, um die Frage gründlich zu klären: Was und wie sollen Grosseltern heute sein? Sie trifft dabei auch François Höpflinger, der sein theoretisches Wissen in der Praxis überprüft: Zwei Tage in der Woche hüten er und seine Frau die beiden Enkelkinder. Und in der Praxis ist so manches überraschend.