«DOK»: Kampfzone Garten – Wenn Nachbarn streiten
Der Garten als Ort der Idylle, der Erholung und des Freiraums, so stellt man sich das gerne vor. «Als Raum für Begegnungen» zelebriert die Kampagne «Gartenjahr 2016» das eigene kleine Paradies. Umso schlimmer, wenn die erhoffte Idylle getrübt wird. Meistens sind es die Anrainerinnen und Anrainer, die einem die Freude vergällen. Und wenn dann jemand den Eindruck gewinnt, dass nicht die Schnecken die grössten Feinde, sondern die Nachbarn die grössten Schädlinge sind, ist der Weg vom Paradies in die Hölle nicht mehr weit.

Lärmbelästigungen zählen zu den häufigsten Klagen bei Zwistigkeiten mit der Nachbarschaft. «Dieser Güggel kräht ständig, er raubt mir meinen Mittagsschlaf», ärgert sich ein Rentner und klagt seinen Nachbarn, den Tierhalter, ein. Das Gericht erteilt dem Hahn zwar ein Ausgehverbot von 22 bis 7 Uhr, doch das Tier darf bleiben. Damit ist der Rentner nicht zufrieden und droht damit, das Verfahren bis vor Bundesgericht zu ziehen.
Auch Sträucher, Bäume und Abstandsvorschriften geben häufig Anlass für «Zoff» – so auch in einer Ortschaft am Bodensee. Dort fallen Tannennadeln auf das falsche Grundstück. Zudem stehen ein Kaninchenstall sowie eine Kinderschaukel zu nahe an der Grenze zu Nachbars Garten. Wie Giftpfeile schossen Worte über den Gartenzaun: «Asozial», «psychopathologisch belastet», «Geldturbo» und andere Kraftausdrücke verschärften den Knatsch. Der Stein des Anstosses ist das Bauvorhaben eines Architekten, der seine in die Jahre gekommene Villa abreissen möchte, um an derselben Stelle ein Mehrfamilienhaus zu errichten. Gegen seine Idee des verdichteten Bauens hagelt es neben Vorwürfen und Beschimpfungen auch Einsprachen. Zu gross sei das Projekt, zu lang und zu hoch.
«Verdichtetes Bauen hat in der Schweiz häufig Auswirkungen auf Nachbarschaftskonflikte», sagt Andrea Staubli. Die ehemalige Richterin und aktuelle Präsidentin des Schweizerischen Dachverbandes Mediation bezieht sich dabei auf eine Umfrage des Verbandes, die ergab, dass Streitereien unter Nachbarn mittlerweile an dritter Stelle liegen, direkt hinter Familienzwisten und Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz.
Mit seinem Anrainer heillos verkracht ist auch ein Wirt. Der Hausbesitzer beklagt einen Wasserschaden in seinem Haus am Hang. Als Urheber des Problems sieht er seinen Nachbarn, der auf dem höhergelegenen Grundstück jeweils den Rasen sprengt. Der Wirt investierte bis zum heutigen Tag eine halbe Million Schweizer Franken in Gutachten und Gerichtskosten. Er werde solange kämpfen, bis er zu seinem Recht komme, sagt der 54-Jährige. Für diesen Kampf musste der Wirt bereits einen hohen Preis bezahlen, denn neben dem vielen Geld verlor er auch seine Gesundheit, so dass er nicht mehr arbeiten kann.
Filmautor Hanspeter Bäni ist den Nachbarschaftskonflikten auf der Spur und zeigt, wie schnell aus dem heimischen Garten, dem «Raum für Begegnungen», eine Kampfzone werden kann.